Im Rahmen der grund_schule der künste findet sowohl Praxisforschung als auch wissenschaftliche Forschung statt.

Die Praxisforschung ist dabei auf den individuellen Einzelfall bezogen und bindet die beteiligten Lehrer_innen als Experten für das Feld Kunst, Bildung und Schule ein. Im Mittelpunkt stehen dabei zum Beispiel folgenden Fragen: Wie können Schulen ihr ästhetisches und künstlerisches Bildungsprofil stärken? Auf welche Weise können die Fachlehrer_innen für die Fächer Kunst, Musik, Darstellendes Spiel und Tanz dabei in die Entwicklung von Schulkultur eingebunden werden? Wie können Kooperationen zwischen Schulen und Kulturinstitutionen unter Einbindung der Fachlehrer_innen gestärkt und nachhaltig gefördert werden?

Die wissenschaftliche Forschung ist im Kontext der Kindheitsforschung angesiedelt und richtet ihren Blick auf die ästhetische Selbstbildung von Kindern. Ausgangspunkt sind Fragen, die sich mit den individuellen Weltzugängen von Kindern beschäftigen, wie zum Beispiel Fragen, die sich auf die Entwicklung individueller Bildsprache beziehen oder auf die verstehenden Zugänge zu den Künsten.

grundschulekunstbildung

Rezension zu MEIN BUCH von Jens Thiele in »1001 Buch. Das Magazin für Kinder-und Jugendliteratur«

Mein Buch. Das Sprachbildungsbuch für Kinder

hrsg. von Kirsten Winderlich
Pappbox mit drei Heften und zwei Farbstiften
Verlag Was mit Kindern GmbH, Berlin 2018
€ 9,90

Mein Buch Elisa Bauer
Foto von Elisa Bauer

Bilderbücher, die ihre Adressaten aus der Rezeptionshaltung herauslocken und zur aktiven Gestaltung motivieren wollen, haben es auf dem Buchmarkt traditionell schwer. Sie werden oft in die Sach- und Spielbuchecke gedrängt. Einen ähnlich schweren Stand haben Bilderbücher, deren Illustrationen von Kindern und nicht von professionellen Illustratoren angefertigt werden; auch sie sind auf dem Markt nicht nachgefragt, wie zahlreiche Versuche belegen. Mit diesen beiden Hypotheken geht Mein Buch an den Start, ein Projekt, das in der grund_schule der künste an der Universität der Künste Berlin entwickelt wurde. Es geht um einen offenen, kreativen Umgang mit Sprache und Bildern, mit Buchstaben, Wörtern und Bildzeichen. Es geht um Zugänge zur Bildung durch eigene Erfahrungen mit dem Erzählen von Geschichten. Was zunächst nach einem Lernlesebuch für die Grundschule klingt, ist tatsächlich etwas grundlegend Anderes. Das wird schon am Design deutlich: man öffnet nicht ein Buch, sondern eine Pappschachtel, in der drei Hefte sowie zwei dicke Buntstifte liegen, ergänzt durch einen Stapel leerer Buchseiten. Heft 1 bietet Ansätze von Geschichten, überwiegend in Bildern erzählt, die Kinder angefertigt haben. Diese Geschichtsanfänge können weitererzählt oder umgedeutet werden, durch eigene Zeichnungen auf freien Heftseiten oder durch Hineinzeichnen in vorhandene Bilder. Die narrativen Vorgaben wechseln dabei in ihren ästhetischen Grundformen, in ihren Stimmungen und in ihrer Sinnlichkeit, so dass hier Erzählen in seinen vielfältigen Kommunikationsformen erfahrbar wird. Auch Heft 2 führt den offenen, spielerischen Ansatz der Annäherung an Sprache fort. Das Wort Anfang mit seinen einzelnen Buchstaben wird nun zum Spiel- und Experimentierfeld, sowohl für die Macher als auch für die Nutzer. In lockerer Anlehnung an die bildhaften ABC-Bücher kann man sich in die fantasievolle Buchstaben-Welt durch Wort und Bild einklinken. Das dritte Heft verdeutlicht noch einmal die Grundidee der Autor_innen, bildnerische Äußerungen von Kindern als Basis und Motivation für eigene, individuelle Erzählübungen zu nutzen. Auf ästhetisch ausgesprochen reizvollen und anregenden Bildflächen, die Kinder mit Hilfe von Zeichenmaschinen hergestellt haben, kann nun eine eigene längere Geschichte mit einem dramaturgischen Verlauf gezeichnet und geschrieben werden, ohne pädagogischen Zeigefinger oder einengende Vorgaben.

Die Intention des Projektteams, dass sich Zugänge zur (fremden) Sprache über das Erzählen mit seinen bildhaften und sprachlichen Mustern und Regeln, aber auch mit den Möglichkeiten individueller Ausdeutungen ergeben, wird in den drei Heften mit ihren aufeinander abgestimmten Materialien überzeugend umgesetzt.

Man versteht die Konzeption dieses ‚Buchs‘ noch klarer, wenn man sich den kulturpolitischen Hintergrund vergegenwärtigt. Das Autorenteam hat sich zum Ziel gesetzt, mit Mein Buch all den Kindern in Berlin eine Chance auf Teilhabe an der deutschen Sprache und damit an Bildung zu geben, die durch Migration, Flucht und soziale Ausgrenzung erschwerte Lernbedingungen vorfinden. Die Pappbox wurde bereits an viele Kinder über die grund_schule der künste kostenlos verteilt. Mein Buch könnte Kindern auch an jedem anderen Ort eine solche Chance bieten, auch oder gerade jenseits der klassischen Lernorte.

Jens Thiele

im Magazin für Kinder- und Jugendliteratur “1001 Buch“ (3/18)

grundschulekunstbildung

Rezension zum fünften Band der Schriftenreihe »grund_schule kunst bildung« von Flurina Affentranger (CH), erschienen in den BDK Mitteilungen, 3.2018, S. 46

cover_grund schule kunst bildung_band fünf

Zu Sprachen finden

Wie kommen wir zur Sprache? Als hochaktuelles Bildungs- und sozialpolitisches Thema drängt die Frage nach der Sprachbildung und Sprachförderung in der Schule auf allen Stufen. Die Globalisierung und wachsende Komplexität unserer Lebenswelten stellen hohe Anforderungen an die sprachlichen und literalen Kompetenzen. Doch geht es auch um das Finden eigener Sprachen – Sprachen, die Ausdrucksmittel persönlicher Wahrnehmung, Reflexion und Emotion sein können.

Unumstritten ist die Sprachbildung, insbesondere in der Grundschule, eine interdisziplinäre Aufgabe. Welche Perspektiven aber öffnen sich, wenn sie nicht nur mit wissenschaftlichem Blick, sondern auch aus künstlerischer Haltung heraus gedacht wird? Der fünfte Band der von Kirsten Winderlich herausgegebenen Schriftenreihe, grund_schule kunst bildung’ zeigt Wege auf, wie es gelingen kann, ausgehend von ästhetisch-künstlerischen Zugängen zu Sprachen zu finden.

In neun Beiträgen wird vielstimmig offenkundig, wie neben dem gesprochenen oder geschriebenen Wort gleichberechtigt auch das künstlerisch Hervorgebrachte von Kindern als sprachliche Äusserung verstanden werden kann. Dabei liegt das Wesentliche nicht bloss im Festgehaltenen sondern auch im Flüchtigen: im bildnerischen Prozess, in der Klangproduktion, in der Vermittlungssituation, im Performativen oder schlicht in der gemeinsamen Präsenz von Kindern, Studierenden und Lehrenden.

Eindrücklich schildert Conrad Rodenberg (‚Erzählen zwischen Bild und Klang‘) wie im Moment einer Klangimprovisation vor Bildern jede Forderung der Kinder nach Erklärungen, wie die Musik zu spielen sei, ausbleibt. Die Lust am Ausprobieren führt zu einem Sich-Einlassen, das vom Spontanen lebt. Darin scheint ein Schlüsselmoment zu liegen, der in unterschiedlichen Formen in allen Beiträgen anklingt. Sprachen ereignen und entwickeln sich dann, „wenn wir uns mit aller Aufmerksamkeit einer Sache widmen“ (Winderlich, 2017).

Involviert in den Lehr- Lern- und Forschungsort ‚grund_schule der künste‘, der unter dem Dach der Universität der Künste Berlin steht, schreiben die Autor*innen (Vivienne Appelius, Nick Ash, Turit Fröbe, Evelyn May, Janna Rakowski, Conrad Rodenberg, Jens Thiele, Sandra Topan und Kirsten Winderlich) aus forschender, lehrender, vermittelnder und studentischer Sicht. Als fruchtbares Wechselspiel von theoretischer Fundierung und dokumentierter Praxis ist die Publikation anregender Impuls in der Auseinandersetzung mit der drängenden Frage nach Sprachbildung und betont nicht zuletzt die Relevanz ästhetisch-künstlerischer Bildung in der Schule.

Flurina Affentranger

 

Rezension zum fünften Band der Schriftenreihe »grund_schule kunst bildung« von Flurina Affentranger (CH), erschienen in den BDK Mitteilungen, 3.2018, S. 46

grundschulekunstbildung

grund_schule kunst bildung, band fünf: sprachen

Band5-0285

 

Der fünfte Band der von Kirsten Winderlich herausgegebenen Schriftenreihe »grund_schule kunst bildung« widmet sich dem Thema »Sprachen« und meint damit nicht nur die vielen Sprachen dieser Welt, sondern insbesondere die Sprachen, die entstehen, wenn wir uns mit aller Aufmerksamkeit einer Sache widmen und dabei Sprachen entwickeln, die greifbar machen, was über die gewohnte Sprache im Kontext des »Schulwissens« fast unmöglich erscheint.
grundschulekunstbildung

Rezension von Ruth Kunz, Pädagogische Hochschule Bern, Schweiz

Schriftenreihe band vier: Artist in residence

Cover_gkb_Band4

Orte – Räume – Athmosphären

Kabel und Korken, Klebebänder, Folien, Schnüre, Schläuche — fragile Augenblickskonstruktionen aus Draht und Stäben, punktuell von farbigen Akzenten durch­wirkt. Als diese kleinen, plastischen Ereig­nisse sind sie Teil eines größeren Gefüges — einer von Kindern, Künstlern und Künstlerin­nen inszenierten Landschaft.
Im Projekt ,Artist-in-Residence` (2014-­2016), von Kirsten Winderlich und Nick Ash an der Universität der Künste Berlin initiiert, verzichten die eingeladenen Kunstschaffen­den auf ein aktives Unterrichten. Stattdes­sen arrangieren sie Materialien und Objekte so, dass von den fragmentarischen Setzun­gen ein Anreiz ausgeht, damit zu hantieren, zu spielen, das Vorgefundene zu verändern und zu transformieren. Leere und Fülle, un­besetzter Raum und Material lassen einen ‚Ort’ entstehen, der als inszenierter zum Handeln einlädt und — in Anlehnung an Martina Löw— Raum als relationale Erfah­rung immer wieder neu konstituiert.
Das lebendige Zusammenspiel von theoreti­scher Fundierung (Kirsten Winderlich), dich­ter Beschreibung (Nick Ash), Reflexionen und Betrachtungen der Beteiligten zeigt, wie Kunstdidaktik von Handlungsräumen her neu zu denken wäre.
Welche Energie geht von einem Setting aus, das Wahrgenommenes — nicht Idee und In­tention — an den Anfang setzt? Sensibel für das Körperliche, das Beseelt-Figurative ent­decken die Kinder das Potential der Brico­lage und lernen mit und von den Dingen. Einmal nicht der Last der Erwartungen an ein Werk ausgesetzt, erleben Kunstschaffen­de und Kinder, wie sich im Respons auf eine konkrete plastisch-räumliche Situation neue Erfahrungen auftun und der materialisier­te Dialog in den eigenen Hervorbringungen weiterwirkt. Die Temporalität der Arbeiten hat etwas Befreiendes: Sie lässt eine Lust an repetitiven Handlungen, eine Freude am Kommen und Gehen verschiedener ästhe­tischer Muster entstehen. Fasziniert entde­cken die Beobachtenden — der Lehrer, die Studentin — welche Intensität das Sinnliche eröffnet. Es ist „eine Intensität, die weiter reicht als alles, was als Bedeutung, Ziel oder Zweck vorgestellt werden kann” (Jean-Luc Nancy).
Mit ,Artist-in-Residence` ist ein Format ent­standen, das die kontinuierliche Begegnung von Kindern, Künstlerinnen und Künstlern und Forschenden über einen längeren Zeit­raum ermöglicht. Verankert in der ,grund_ schule der Künste, einem raumbezogenen Lehr- und Forschungsmodell, macht es (Selbst-) Bildungsprozesse beschreibbar: als ein Geschehen, das sich in Zeit und Raum, im Widerspiel mit den Dingen und im Aus­tausch mit den Menschen vollzieht.
Ruth Kunz

erschienen in BDK-Mitteilungen 3/2017

grundschulekunstbildung

Bilder bilden Sprachen

Neue Publikation zur ästhetisch-künstlerischen Sprachbildung befindet sich im Druck!

Wenn ein Individuum mit seiner Umgebung nicht auf komplexe, subtile und anregende Weise in Verbindung tritt, wird es wenig Bedeutsames zu sagen geben. (Elliot Eisner)

BilderbildenSpracheEine Sprache zu lernen heißt auch etwas in dieser Sprache zu sagen zu haben. Dieses bedeutet, Wahrgenommenes, Erlebtes und Erfahrenes in seiner Vielfalt und Dichte zum Ausdruck zu bringen und sich darüber mit Anderen auszutauschen. Eine ästhetisch-künstlerische Sprachbildung fördert in diesem Sinne die Wahrnehmung und Imaginationsfähigkeit. Sie gibt Kindern Raum für das Spiel und Experiment mit Sprache und ermöglicht ihnen dadurch, Sprache zu gestalten.

In Auseinandersetzung mit der Frage, welche Medien Kinder in diesen Sprachbildungsprozessen unterstützen können, stellt Kirsten Winderlich zeitgenössische Bilderbücher vor, die auf bemerkenswerte Weise mit dem Alphabet spielen, und macht zahlreiche Vorschläge für Bildungspraxis und Unterricht. Nach „Bilder bilden“ ist „Bilder bilden Sprachen“ bereits die zweite Publikation zur ästhetisch-künstlerischen Sprachbildung, die in hoher Auflage durch die Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie gefördert wird.