Prof. Dr. Kirsten Winderlich

Im Atelier der Fachklasse von Prof. Johan Lorbeer

 

Das Atelier als Ort künstlerischer Schaffensprozesse kann als besonderer Bildungsort verstanden werden, der einlädt in die individuelle künstlerische Arbeit der Künstlerin oder des Künstlers einzusteigen. Darüber hinaus ist das Atelier, gerade für Kinder, als informeller Bildungsort zu begreifen. Es ist ein Ort, an dem unterschiedliche Materialien, Objekte und Werkzeuge lagern, ein Ort an dem Bilder im weitesten Sinne Platz einnehmen, Bilder, die sich noch im Prozess der Entstehung befinden oder aber bewahrt, geordnet und archiviert werden. Ateliers sind in ihrer räumlichen Ausgestaltung immer geprägt von der individuellen Künstlerpersönlichkeit. Sie erzählen von unterschiedlichen Arbeitsweisen und Haltungen aber auch von individuellen Erfahrungen. All diese Aspekte sind für Kinder bei einem Besuch noch nicht geordnet. Der Blick der Kinder ist noch nicht ausschließlich fokussiert auf das Werk, wie auch die Wahrnehmung der Kinder in den eigenen schöpferischen Prozessen nicht ausschließlich auf das Endprodukt gerichtet ist. Vielmehr sind die schöpferischen Prozesse von Kindern eingebunden in Handlungen, die sich zwischen scheinbaren Alltagshandlungen, Spiel und dem, was als künstlerische Tätigkeit verstanden werden kann, bewegen. Die Frage, wie die Kinder ihren Besuch in den Ateliers der Fachklasse von Prof. Johan Lorbeer erlebt haben, lockte bei ihnen, auch noch vier Wochen nach dem Besuch, eine Vielzahl an Erinnerungen hervor. So stellten die Kinder zum Beispiel eine Liste von fast 100 Möglichkeiten zusammen, die sie in den Ateliers machen konnten: Sie erzählten vom Fühlen, vom Kunstwerke anschauen, vom Bauen aus alten Materialien, vom Klettern, vom Ausprobieren, vom Forschen, vom Laufen, vom Zuschauen, vom Yogamachen, vom Farben machen, vom Orangenpressen, vom Bekleben des eigenen Mundes, vom Steigen auf eine hohe Leiter, vom Schatten mit Flaschen machen, vom Hochziehen einer Giraffe….

Die Beschreibungen der Kinder machen deutlich, dass wir es im Kontext ästhetischer und künstlerischer Bildung von Kindern immer mit einer Energie zu tun haben, die wenig mit unserer „Erwachsenen“-Vorstellung von Konzentration und kontinuierlich und linear verlaufenden Schaffensprozessen zu tun haben. Vielmehr vermittelten uns die Kinder während ihres Atelierbesuch ihre Aneignungs- und Bildungsprozesse als ein Flanieren, bei dem sich die Wegführung aus dem Moment des Unerwarteten und Überraschenden heraus entwickelt. Und in dieser Hinsicht kann der Besuch der Kinder im Atelier als doppeltes Bildungsereignis verstanden werden. Einerseits ermöglichte diese Aktion den Kindern eine Begegnung mit Kunst und Kunstschaffenden. Und andererseits stellte der Besuch der Kinder für die Studierenden eine besondere Gelegenheit dar, sich auf die Weltzugänge von Kindern einzulassen ohne die eigene Kunst „aus den Augen zu verlieren“.
Atelier2_Nick Ash

Atelier3_Nick Ash

Atelier5_Nick Ash

Atelier6

Experimentieren_Miriam Christof

 

Projektidee: Prof. Dr. Kirsten Winderlich 
Projektdurchführung: Fachklasse Prof. Johan Lorbeer
Begleitung: Miriam Christof, Nick Ash
Kooperation: Anke Schäfer, Schülerinnen und Schüler der Klasse Fledermäuse der Hunsrück-Grundschule Berlin-Kreuzberg
Ort: Universität der Künste Berlin, Hardenbergstraße 33, Atelier der Fachklasse Prof. Johan Lorbeer
Fotos: Nick Ash