Zwischen Kind und Kunst – Ohne ästhetische Bildung ist kulturelle Bildung sinn-los

Kulturelle Bildung sollte die ästhetische Bildung von Kindern und Jugendlichen stärken. Sie sollte eine Bildung durch die Künste initiieren und fördern wie auch die ästhetische (Selbst-)Bildung von Kindern wahr- und ernstnehmen. Um eine Bildung durch die Künste zu ermöglichen, ist es meines Erachtens notwendig einen Brückenschlag zwischen Kunst und Kind mitzudenken und -zuvollziehen. Dieses erfordert sowohl umfassende eigene künstlerische Erfahrungen wie ein Wissen um die Künste als auch ein Wissen um das Erleben, Denken, Handeln und Fühlen von Kindern unter Berücksichtigung der Dimensionen ästhetischer Erfahrungen in den Kindheiten unterschiedlicher sozialer und kultureller Kontexte.

Hinter dem Begriff der ästhetischen Bildung, dessen Anspruch sich bis in die Antike zurückverfolgen lässt, steht die Annahme, dass es bei der Kunst und dem Kunstmachen um das Leben selbst geht. Dabei wird davon ausgegangen, dass sich Menschen, die künstlerisch tätig werden wie auch die, die sich mit den Künsten auseinandersetzen, Weltzugänge verschaffen und Weltdeutungen entwickeln, die für die Persönlichkeit und das Leben der Einzelnen wie auch für die Gemeinschaft grundlegend ist.

Die Kindheitsforschung hat in den letzten Jahrzehnten das Bild eines sich aus eigenen Mitteln und Fähigkeiten heraus bildenden Kindes geprägt und belegt. So eignen sich bereits Neugeborene ihre Mitwelt selbsttätig an. Die sinnliche Wahrnehmung und daraus resultierende Erfahrungen, insbesondere ästhetische Erfahrungen, unterstützen das Kind verschiedene Formen des Selbst- und Weltverständnisses zu entwickeln, das die Grundlage der Bildung im Kindesalter ebnet. Erst über die ästhetische (Selbst-)Bildung, die das jeweilige Subjekt zum intensiven ästhetischen Erleben befähigt und ästhetische Erfahrungsprozesse initiiert, ist kulturelle Bildung im Sinne kultureller Teilhabe möglich. Erst wenn das Subjekt sich individuelle Zugänge zum Selbst und zur Welt verschaffen kann und sich in diesem Zusammenhang seiner eigenen ästhetischen Praktiken bewusst ist, ist die Basis für ein kritisches Gestalten historisch gewachsener Kulturen geschaffen.

Nun soll die ästhetische Bildung als Bildung in, mit und durch die Künste nicht mit der ästhetischen und intrinsisch motivierten Selbstbildung von Kindern von Geburt an gleichgesetzt werden. Nichtsdestotrotz lassen sich Gemeinsamkeiten der ästhetischen Bildungsweisen der Künste und der der Kinder und Jugendlichen konstatieren, die uns helfen können den notwendigen Brückenschlag zwischen „Kind und Kunst“ zu vollziehen. Sowohl künstlerische als auch die schöpferischen Schaffensprozesse von Kindern und Jugendlichen sind an Wahrnehmung, Gestaltung und die Fähigkeit zu Einbildungskraft gebunden. Diese Prozesse sind höchst individuell, eigensinnig und in diesem Sinne unerwartet im Ausgang.

Wenn wir nun davon ausgehen, dass nicht nur die Künste sondern auch die Phantasie der Kinder und Jugendlichen den Kern der ästhetischen Bildung ausmachen, dann sollte um allen Kindern und Jugendlichen Zugänge zu und Teilhabe an den Künsten zu ermöglichen, gerade die den Kindern und Jugendlichen eigene Phantasie nicht aufgegeben werden – weder für eine Mode oder für eine bestimmte Kultur noch für das im Kontext aktueller kultureller Bildung beschworene Bildungsziel Kreativität.

Kirsten Winderlich